Die ketogene Ernährung hat in den vergangenen Jahren zunehmend Aufmerksamkeit als therapeutischer Ansatz bei chronischen Erkrankungen erhalten. Zwischen populären Versprechen und wissenschaftlich belegtem Nutzen besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied. Entscheidend sind daher die aktuelle Evidenz und die jeweilige Patientengruppe.
Zwischen metabolischem Potenzial und klinischer Evidenz
Bei Typ-2-Diabetes, Adipositas und chronischer Nierenerkrankung stehen vor allem metabolische Effekte im Fokus. Durch die starke Reduktion der Kohlenhydratzufuhr entsteht eine physiologische Ketose. β-Hydroxybutyrat dient dabei nicht nur als Energieträger, sondern wirkt auch als metabolisch aktives Signalmolekül mit möglicherweise antiinflammatorischen und zellprotektiven Effekten.
Für Adipositas und Typ-2-Diabetes ist die Evidenz vergleichsweise gut: Studien zeigen Verbesserungen von Körpergewicht, Insulinresistenz und glykämischer Kontrolle sowie teilweise einen geringeren Bedarf an Antidiabetika und Insulin. Bei chronischer Nierenerkrankung sind die Ergebnisse ebenfalls vielversprechend, etwa hinsichtlich Blutdruck, Albuminurie und metabolischer Parameter. Aufgrund möglicher Risiken sollte die Anwendung jedoch individuell und unter Berücksichtigung der Nierenfunktion erfolgen. Für eine routinemäßige Anwendung bei Herzinsuffizienz reicht die Evidenz derzeit nicht aus.
Auch in der Neurologie besitzt die ketogene Ernährung eine lange Tradition und ist bei therapieresistenter Epilepsie etabliert. Aktuelle Studien untersuchen ihren Einsatz bei Alzheimer-Demenz und Mild Cognitive Impairment. Erste Ergebnisse zeigen positive Effekte auf den Ketonkörperstoffwechsel und teilweise auf kognitive Funktionen und Lebensqualität. Bei Depression, bipolarer Störung und Schizophrenie sind die bisherigen Daten vielversprechend, aber noch überwiegend explorativ.
Für die klinische Praxis sollte die ketogene Ernährung daher nicht als universelle Lifestyle-Diät, sondern als potenzielle medizinische Intervention verstanden werden. Kontraindikationen, Arzneimittelinteraktionen und metabolische Risiken müssen berücksichtigt und gegebenenfalls Medikamente angepasst werden. Ausgewählte Patient:innen können von einer ketogenen Ernährung profitieren. Für viele propagierte Anwendungsgebiete fehlen jedoch weiterhin belastbare Langzeitdaten. Eine individuelle Indikationsstellung, ernährungsmedizinische Begleitung und ärztliche Kontrolle sind daher Voraussetzung. Die ketogene Ernährung kann eine ergänzende therapeutische Säule sein – ein Allheilmittel ist sie jedoch nicht.
Zu diesem Thema fand im Mai ein spannendes Webinar statt. Eine Zusammenfassung dazu finden Sie hier: