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Metabolisch gesunde Adipositas im Kindesalter: ein unterschätztes Risiko

23 April 2026 | ÖAIE-Redaktion

Adipositas im Kindesalter ist ein wesentlicher Risikofaktor für kardiometabolische Erkrankungen im Erwachsenenalter. Kontrovers diskutiert wird, ob Kinder mit metabolisch gesunder Adipositas (metabolically healthy obesity, MHO) ein geringeres Langzeitrisiko aufweisen und daher weniger intensiv behandelt werden müssen also Betroffene mit metabolisch ungesunder Adipositas (metabolically unhealthy obesity, MUO). MHO ist definiert als Adipositas ohne metabolische Auffälligkeiten wie Hypertonie, Dyslipidämie, gestörte Glukosehomöostase oder erhöhte Leberwerte. Die langfristige Prognose dieses Phänotyps ist jedoch unzureichend untersucht.

 

Eine aktuelle populationsbasierte Kohortenstudie nutzte Daten des schwedischen Childhood Obesity Treatment Registers (BORIS) sowie nationaler Register. Eingeschlossen wurden 7.275 Kinder und Jugendliche (7–17 Jahre), die zwischen 1997 und 2020 eine Adipositastherapie begonnen hatten. 49,8 % wiesen MHO, 50,2 % MUO auf. Eine gematchte Referenzkohorte von 35.636 Personen aus der Allgemeinbevölkerung diente als Vergleich. Die Nachbeobachtung erfolgte bis maximal zum 30. Lebensjahr oder bis Juli 2023. Primäre Endpunkte waren Typ-2-Diabetes, Hypertonie, Dyslipidämie und Mortalität. Zusätzlich wurde der Einfluss einer BMI-z-Score-Reduktion untersucht.

 

Während der Nachbeobachtung zeigte sich ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiometabolische Erkrankungen in beiden Adipositasgruppen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Bis zum Alter von 30 Jahren betrug die kumulative Inzidenz für Typ-2-Diabetes 9,1 % (MHO) und 16,8 % (MUO) versus 0,5 % in der Referenzgruppe. Für Hypertonie lagen die Werte bei 10,8 %, 18,3 % und 3,7 %, für Dyslipidämien bei 5,3 %, 12,7 % und 0,9 %. Obwohl Probanden mit MHO günstigere Werte als jene mit MUO zeigten, blieb das Risiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht. Die Mortalität war insgesamt niedrig und vergleichbar zwischen den Gruppen.

 

Klinische Relevanz einer frühen Gewichtsreduktion

 

Eine Reduktion des BMI-z-Scores um ≥0,25 war unabhängig vom metabolischen Status mit einer signifikanten Risikosenkung verbunden. Im Vergleich zu einer Gewichtszunahme zeigte sich eine Reduktion des Risikos für Typ-2-Diabetes um etwa 78 % (IRR 0,22), für Hypertonie um 44 % (IRR 0,56) und für Dyslipidämie um 72 % (IRR 0,28).

 

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass auch metabolisch gesunde Adipositas im Kindesalter kein klinisch harmloser Zustand ist. Trotz fehlender initialer Stoffwechselstörungen besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiometabolische Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter. Gleichzeitig ist eine moderate Gewichtsreduktion unabhängig vom metabolischen Ausgangsstatus mit einer deutlichen Risikoreduktion assoziiert. Adipositas im Kindesalter sollte daher grundsätzlich als behandlungsbedürftig betrachtet werden, unabhängig vom metabolischen Status.

 


Literatur:

RR.Putri, P. Danielsson, E. Hagman, C. Marcus, Long-Term cardiometabolic Outcomes in children with metabolically healthy und unhealthy Obesity, JAMA Pediatrics 2026; doi: 10.1001


 

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